Schiffsbeteiligungen
Wetten, dass
?
Gedanken zum Zertifikate-Wahn,
der mittlerweile auch die Schifffahrt erreicht hat!
Für Sie geschrieben in Schifffahrtszeitschrift
HANSA 10/2007
Kaum ist ein vermeintlich
neues Produkt auf dem Markt, das von Banken und anderen Emittenten
angepriesen wird, schon springen die Anleger darauf an. Aber nur
weil ein Kapitalmarktprodukt gerade "en vogue" ist,
muss es nicht auch gut sein. Zertifikate im Bereich der Schifffahrt
werden derzeit als Innovation im Kapitalanlagebereich angepriesen,
aber was hat das noch mit Schifffahrt zu tun?
Zertifikate sind Wetten
auf die Entwicklung von Indizes, in denen Werte bestimmter Unternehmen
aus einem genau definierten Themengebiet zusammengefasst sind.
Die Investoren können dabei "short" gehen, d.h.
sie setzen auf fallende Kurse. Alternativ können sie "long"
gehen und setzen dabei auf steigende Märkte. Aber eins zeigt
sich dabei immer wieder. Ob "long" ob "short",
ein Teil ist fort ! (Gemeint ist natürlich ein Teil des eingesetzten
Geldes, wie z.B. der Ausgabeaufschlag)
Mit einem Zertifikat,
kann man grundsätzlich auf alles spekulieren, auf den Ölpreis,
die Folgen der Immobilienkrise in den USA, die Auswirkung wolkenloser
Vollmondnächte auf die Apfelernte in Alten Land. Nichts muss,
aber alles geht. Und so wird mit vielen Zertifikaten Vermögensvernichtung
im großen Stil betrieben. Zertifikate sind als Anlageinstrument
derart komplex, dass kaum jemand weiß, wie sie genau funktionieren
und erst recht kann keiner - außer dem Emittenten natürlich
- die Preisfindung nachvollziehen.
Diesen Informationsvorsprung
nutzen die Emittenten aus, in dem Margen und Mechanismen eingebaut
werden, die dem Anleger selten eine Chance lassen, seine Wette
zu gewinnen. Die Zertifikatbranche hat sich heimlich dazu gemausert,
den Anlegern unauffällig das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Der Anleger merkt dies natürlich kaum, weil er es ja gewohnt
ist festzustellen, dass beim Griff in die eigene Tasche jedes
Mal schon die öffentliche Hand darin war und nur wenig übrig
ist, um es anzulegen!
Gott sei Dank verbleiben
deshalb oftmals nur "kleinere" Beträge verfügbar
um diese Wetten einzugehen, aber auch darauf ist die Branche der
Zertifikatverkäufer vorbereitet! Ihre Sie betreuende Bank
hat die Einstiegskurse in solche Investments zum Teil auf EURO
1000,-- gesenkt, denn irgendwie muß das Geld des Anlegers
doch erreicht werden können!
Lediglich Experten
aus diesem Fachgebiet durchschauen das Spiel, während die
Anleger munter drauflos wetten. Die Zuwachsrate in 2006 betrug
satte 30 Prozent. Bis 2012 gehen Branchenkenner sogar von einem
Zuwachs von 15 bis 20 Prozent pro Jahr aus. Bankenberater empfehlen
ihren Kunden mittlerweile einen Depotanteil von bis zu 30 Prozent
in Zertifikaten.
Das ist für die Emittenten kein großes Problem, werden
doch täglich hunderte von neuen Zertifikaten auf den Markt
gebracht.
Ein besonderes Augenmerk
sollte auf Zertifikate gelegt werden, die mit dem Begriff Garantie,
Sicherheit oder ähnlichem verbunden sind. Solche Produkte
sind zwar leicht verkäuflich, aber wenig sinnvoll. Zwar lassen
solche Versprechungen das sicherheitsliebende deutsche Anlegerherz
höher schlagen, aber kennen wir nicht genügend Lockangebote
in dieser Art, wo bereits ein Teil der suggerierten Vorteile zunächst
durch Agio und ähnliche Gebühren weggefischt wird?
Ein Problem der Zertifikate
liegt in der Volatilität der ausgesuchten Wertpapiere, die
als Indexpapiere zu Grunde gelegt werden. Nimmt man als Grundlage
für das Zertifikat einen Basket von 20 Papieren, dann werden
die prognostizierten Werte von z.B. 6 % des Zertifikates nur erreicht,
wenn nicht mehr als 3 der 20 Werte unter 90 Prozent ihres Einstandes
sinken. Umgekehrt bedeutet dies bei den doch sehr volatilen Aktienmärkten,
die locker in einem Jahr um mehr als 10 Prozent schwanken können,
das bereits bei 4 oder 5 Werten, die 10 Prozent und mehr verlieren
die versprochene Verzinsung gegen Null geht. Wenn der Index, der
für das Zertifikat zu Grunde gelegt wird, im Zeitablauf sinkt,
dann geht der Wert des Zertifikates natürlich auch nach unten,
mit der Folge, das ein Verlust beim Anleger im Falle des Verkaufs
realisiert wird.
Leider hat die Zertifikatbranche
mittlerweile auch die Schifffahrt erreicht. Die Schifffahrt ist
seit rd. 5 Jahren ein boomender Markt. Natürlich hat es Schwankungen
gegeben, aber der Markt war gut. Was ist da nahe liegender, als
auch darauf zu wetten, dass es so bleibt in der Schifffahrt.
Nachdem die Baukosten
für Schiffe jeglicher Art eine Schwindel erregende Höhe
erreicht haben und die Charterraten in Ihrer Entwicklung hinter
den Neubaupreisen zurückgeblieben sind, tauchen weitere Probleme
auf, die die Schifffahrtsmärkte belasten. Personalmangel,
Treibstoff- und Schmierölkosten und steigende Versicherungsprämien
treiben die Schiffs-betriebskosten in die Höhe. Dies sind
aber wichtige Faktoren, die den Kurs der Wertpapiere beeinflussen
können, die für die Indexbildung des Zertifikates ausgesucht
worden sind.
Sicherlich wird diese
Gefahr verkannt, kommen doch zunehmend Schifffahrtszertifikate
als Angebote auf den Markt, die mit ähnlichen Argumenten
vertrieben werden, wie wir Sie aus dem Markt der Schiffsbeteiligungen
schon lange kennen. Schifffahrtszertifikate werden nicht nur von
Banken vertrieben, sondern zunehmend auch von Schiffsemissionshäusern
als Emittenten. Dies vermittelt eher den Eindruck des Aufspringens
auf einen fahrenden Zug, der sich in Richtung "Abzocke"
bewegt. Mit klassischer Schiffsemission hat das nichts mehr zu
tun.
Um Schifffahrtszertifikate
erfolgreich unter die Kapitalanleger zu bringen, begegnen wir
völlig neuen Wortschöpfungen, die im Zeichen echter
Kreativität der Branche geschaffen werden. Wir lernen, dass
man mit dieser Art der Zertifikate vom globalen Entwicklungs-potential
der Seeverkehrswirtschaft profitieren kann. Vokabeln wie Indexregeln
und Indexuniversum erweitern unseren Anlagehorizont. Gerade das
Wort Indexuniversum hat es mir besonders angetan. Als Jugendlicher
habe ich sehr viel Sciencefiction gelesen, wie z.B. Perry Rhodan,
der durch das Universum flog. Aber das es so etwas nun auch bei
Indizes geben soll, dafür fehlt mir das Verständnis.
Der Begriff Indexuniversum ist schon echt "cool".
Die Auswahl börsennotierter
Schifffahrtsunternehmen, die weltweit eine besondere Stellung
einnehmen, ist im Prinzip für einen Index-Basket ok. Gleichwohl
birgt er ungeheuere Risiken, die vielen Anlegern in Schifffahrtszertifikate
gar nicht klar sind. Die Nachfrage nach Tonnage ist ungebrochen,
aber ein Problem ist sehr groß. Weltweit fehlen zur Zeit
rd. 15.000 Offiziere in der Seefahrt, ein Thema, das sicherlich
gesondert erörtert werden sollte. Die Probleme, die sich
für die Schifffahrt dadurch auftun können, werden von
den Emittenten für Schiffs-zertifikate scheinbar ignoriert,
wenn man den Hochglanzbroschüren Glauben schenkt, mit denen
die Schifffahrtszertifikate vertrieben werden
Die Zertifikatindustrie
hat einen Dämpfer aus Berlin erhalten. Eventuell entstehende
Gewinne konnten bisher nach Ablauf der Spekulationsfrist steuerfrei
vereinnahmt werden. Für Zertifikate, die ab dem 14.März
2007 erworben wurden, gilt ab 1.1.2009 die Abgeltungssteuer. Ob
dies die Branche stoppt ist fraglich! Zertifikate auf Indizes
in der Schifffahrt sind in meinen Augen so überflüssig
wie ein Kropf!